Sen­sa­tio­nel­ler Re­li­qui­en-Fund: „To­r­ah­kro­ne“ der Öf­fent­lich­keit vor­ge­stellt

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Präsentation Torahkrone / Foto: Wiener Neustadt/Weller
Gemeinderätin Dr. Evamaria Sluka-Grabner, Mag. Raimund Fastenbauer (Generalsekretär der Israelitischen Kultusgemeinde), Kulturstadtrat Franz Piribauer, MSc, Museumsmitarbeiter Johann Schörner, Museumsleiterin Mag. Eveline Klein, Bürgermeister Mag. Klaus Schneeberger und Museumsmitarbeiter Alexander CarnielFoto: Wiener Neustadt/Weller

Wie­ner Neu­stadt: O­ri­gi­nal „To­r­ah­kro­ne“ der jü­di­schen Ge­mein­de im Stadt­mu­se­um ent­deckt

Im Rahmen der Umgestaltungsmaßnahmen im Frühjahr 2016 wurde in einer alten Kiste eine sogenannte „Torahkrone“ der ehemaligen jüdischen Gemeinde aus dem Jahr 1932 entdeckt. Die Krone war eine wertvolle Verzierung der Torah, der jüdischen Bibel.

Die „Torahkrone“, deren rechtmäßiger Eigentümer die Israelitische Kultusgemeinde (IKG) ist, wird nun als Dauerleihgabe im Stadtmuseum – ab dem ersten Quartal in der Dauerausstellung im Teil über die jüdische Gemeinde – zu sehen sein. Das fixierten Bürgermeister Mag. Klaus Schneeberger und die IKG im Rahmen einer Pressekonferenz mit dem dementsprechenden Leihvertrag.

Verschlossene Kiste bereits im Februar entdeckt

Als im Februar 2016 für die Neuaufstellung der städtischen Sammlung im Stadtmuseum Exponate aus dem Depot geholt wurden, sollte auch eine sehr schwere Eisenkiste aus der Zeit um 1700 erstmals gezeigt werden. Dem Museumsteam war bekannt, dass sich irgendetwas in der Kiste befindet, keiner wusste jedoch, was es ist, da das Schloss bislang nicht geöffnet werden konnte. Diesmal soll jedoch nachgeschaut werden, was das tatsächlich ist. Alexander Carniel, einem Mitarbeiter des Stadtmuseums, gelingt es mithilfe eines Buches über alte Schmiedekunst, den vielfach gesicherten Deckel zu bewegen und schließlich zu öffnen. Zum Vorschein kommt ein glänzender Gegenstand mit hebräischen Schriftzeichen, der sich schon bald als Torahkrone herausstellt.

Die „Torahkrone“

Die Torah ist der erste Teil des Tanach, der hebräischen Bibel. Sie besteht aus fünf Büchern, weshalb sie im Judentum auch „Die fünf Fünftel der Tora“ genannt wird. In den deutschen christlichen Bibelübersetzungen sind dies die fünf Bücher Mose. In den Synagogen hatte und hat jede Torah spezielle Schmuckstücke – es gibt hier Torahschild, Torahwimpel, Torahmantel, Torahzeiger, zwei kleine Krönchen und Torahkrone.

Mag. Johannes Reiss, der Leiter des Österreichischen Jüdischen Museums, wird beigezogen und entziffert die Inschrift: „Gehört der Chewrat Menachim Awelim, der heiligen jüdischen Gemeinde Wiener Neustadt, sie möge bestehen. Im Jahre 692 nach der kleinen Zeitrechnung (= 1932) Der geringe Jesaja Jaul, Sohn von Mordechai und Feigele, der der Vorsteher der Bruderschaft war.“

Unten umlaufend noch der Text: „Heilig sei der Herr“

ExpertInnen analysierten den Fund

Weitere Expertinnen und Experten, von denen die „Torahkrone“ analysiert wurde, sind Dr. Martha Keil (Direktorin des Instituts für jüdische Geschichtsforschung) und Dr. Felicitas Heimann-Jelinek (ehemalige Chefkuratorin des Jüdischen Museums Wien). Sie finden heraus, dass die Krone auf der Unterseite zwei Führungen für die Stäbe der Torah-Rolle hat und dem aschkenasischen Kulturraum zuzuordnen ist. Der Blumenschmuck entspricht dem Wiener Typus.

Die „Torahkrone“ aus dem Besitz der jüdischen Gemeinde Wiener Neustadt ist in den Besitz der Israelitischen Kultusgemeinde übergegangen, welche die Rechtsnachfolgerin aller in der NS-Zeit aufgelösten jüdischen Gemeinden ist. Die IKG erklärt sich in Verhandlungen mit der Stadt Wiener Neustadt bereit, die „Torahkrone“ als Dauerleihgabe dem Stadtmuseum zur Verfügung zu stellen. Der dementsprechende Leihvertrag wurde im Rahmen der Pressekonferenz unterzeichnet.

Schneeberger: „wahrhaft sensationeller Zeitzeuge“

„Dieses Relikt aus der Wiener Neustädter Stadtgeschichte ist ein wahrhaft sensationeller Zeitzeuge. Wir sind stolz, ein derart wertvolles Exponat nun in unserem Stadtmuseum zeigen zu können. Im Hinblick auf die Landesausstellung 2019 und den damit verbundenen Um- und Ausbau des Museums ist das natürlich eine ganz besondere Aufwertung. Ich bedanke mich bei der Kultusgemeinde für ihr Entgegenkommen und die hervorragende Kooperation“, so der Bürgermeister.

„Größter Schatz neben Corvinusbecher“

Für Kulturstadtrat Franz Piribauer nimmt die „Torahkrone“ einen ganz besonderen Platz ein: „Das ist – neben unserem Corvinusbecher – mit Sicherheit der größte Schatz im Stadtmuseum. Die jüdische Gemeinde Wiener Neustadt war eine ganz besonders bedeutende in der österreichischen Geschichte. Diese Geschichte ist gekennzeichnet durch massive politische Einflüsse und erstreckt sich seit ihrer Gründung durch die Epochen der regierenden Monarchen bis hin zu den dramatischen Ereignissen im 20. Jahrhundert. Die ,Torahkrone‘ aus der Wiener Neustädter Synagoge weist auf diese bedeutende Geschichte hin und fordert uns auch auf, uns diesem Teil der Geschichte entsprechend zu widmen. Wir werden dies seitens der Kulturverantwortlichen dieser Stadt mit größter Sorgfalt und Wertschätzung umsetzen.“

Hoher immaterieller Wert

„Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten begann nicht nur die Verfolgung und tödliche Bedrohung der jüdischen Bevölkerung, sondern auch ein beispielloser Raubzug an jüdischem Vermögen. Unabhängig vom materiellen Wert besitzen jüdische Kultgegenstände einen noch viel größeren immateriellen Wert. Wenngleich es in Wiener Neustadt keine jüdische Gemeinde mehr gibt, hat sich doch in Österreich wieder blühendes jüdisches Leben entwickelt. Der Stadtgemeinde Wiener Neustadt gebührt Dank für die Eigeninitiative, die Torahkrone an die jüdische Gemeinde zurückzugeben. Sie setzt damit ein wichtiges Zeichen gerade in Zeiten gesellschaftlicher Polarisierung“, so der Generalsekretär der Israelitischen Kultusgemeinde, Mag. Raimund Fastenbauer.

Die jüdische Gemeinde Wiener Neustadt

Nach der Ausweisung der Juden aus der Steiermark, also auch aus der Neustadt, 1496, gab es jahrhundertelang keine jüdische Gemeinde in der Stadt. Erst um die Mitte des 19. Jahrhunderts zogen wieder jüdische Familien in die Stadt. Das Stadtgrundgesetz 1867 war der Beginn der völligen rechtlichen Gleichberechtigung.

1871 erhielt die jüdische Gemeinschaft in Wiener Neustadt den Status einer Kultusgemeinde. 1902 wurde nach den Plänen Wilhelm Stiassny neben dem kleinen Bethaus die große Synagoge am Baumkirchnerring 4 erbaut. Bis zum sogenannten „Anschluss“ im März 1938 entwickelte sich die Gemeinde zur drittgrößten in Niederösterreich. Zum Kultussprengel der IKG Wiener Neustadt gehörten die Gerichtsbezirke Ebreichsdorf, Gutenstein sowie Wiener Neustadt ohne Kirchschlag und Aspang.

Mit März 1938 begannen Entrechtung, Enteignungen, Gewalt gegen die jüdische Bevölkerung und ihre Vertreibung. Die IKG Wiener Neustadt wurde im November 1938 aufgelöst.

Teile des Inventars der Synagoge und Gegenstände, die als „jüdische Tempelgeräte“ genannt werden, wurden ins Stadtmuseum gebracht. Auf einer Liste, die weder Unterschrift noch Datum trägt, ist auch eine „Krone“ verzeichnet. Diese Liste liegt einem Schreiben von 1947 bei. Darin wird bemerkt, dass das Museum, damals bei der Vorstadtkirche St. Leopold, von Ostern 1945 bis 1. Juni 1945 offen stand und beraubt worden war und auch die Gegenstände auf der Liste fehlen würden.

Weiterer Sensationsfund

Bereits im September diesen Jahres sorgte ein Fund in der Nähe des Stadtmuseums für Aufsehen: ein Archäologen-Team fand zwei Gräber, die vermutlich aus dem Mittelalter stammen.