Startseite Kultur Barrierefreiheit Mit den Händen „sehen“ – barrierefreies Museumserlebnis

Mit den Händen „sehen“ – barrierefreies Museumserlebnis

FH Wiener Neustadt kreiert das „Tastmodell Judenspott“

Tastmodell Judenspott / Foto: Museum St. Peter an der Sperr/ Wehrl
Julian Neubauer, interim. Leiter des Innovation Labs, Julia Schlager, Leiterin Kunst- und Kulturvermittlung Museum St. Peter an der Sperr und Franz Piribauer, Stadtrat für Tourismus und KulturFoto: Museum St. Peter an der Sperr/ Wehrl

Blinde oder sehbeeinträchtigte Besucherinnen und Besucher des Museums St. Peter an der Sperr können künftig ein zentrales Exponat der Ausstellung mit den Händen „sehen“. Studierende der FH Wiener Neustadt haben in Zusammenarbeit mit dem Innovation Lab ein taktiles 3D-Modell des Judenspotts entwickelt – ein kulturhistorisch bedeutendes Objekt, das die Geschichte mittelalterlicher Judenfeindlichkeit sichtbar und nun auch fühlbar macht.

Wie fühlt sich Geschichte an? Für viele Menschen mit Sehbehinderung ist diese Frage bisher unbeantwortet geblieben. In Museen dominieren visuelle Eindrücke, weshalb wertvolle Exponate für blinde und sehbeeinträchtigte Menschen oft unzugänglich bleiben. Das möchte die FH Wiener Neustadt in Zusammenarbeit mit dem Innovation Lab ändern: Durch ein taktiles 3D-Modell des sogenannten Judenspotts, wird das Museum St. Peter an der Sperr ein Stück barrierefreier.

Der Weg vom Scan zum fertigen Modell

Im Rahmen des Industrieprojekts des Bachelor-Studiengangs Wirtschaftsingenieurwesen haben die Studierenden Jakob Eder und Isabella Schweyer gemeinsam mit dem Innovation Lab der FH Wiener Neustadt das Modell in enger Zusammenarbeit mit dem Museum konzipiert, digitalisiert und produziert.

Zu Beginn des Arbeitsprozesses wurde das Originalobjekt – der sogenannte Judenspott – mithilfe einer iPhone-Applikation hochauflösend gescannt. Die dabei entstandene 3D-Datei wies bereits eine so gute Qualität auf, dass keine aufwändige Nachbearbeitung notwendig war. Im nächsten Schritt wurde das Modell digital skaliert und in vier druckbare Teile unterteilt, um es im 3D-Druckverfahren effizient produzieren zu können.

Nach dem Druck wurden die vier Teile sorgfältig zusammengesetzt. Die Fugen wurden verschliffen und verspachtelt, um eine glatte und homogene Oberfläche zu schaffen und zum Abschluss erhielt das Modell eine Beschichtung mit Ferro-Lack für ein möglichst realitätsnahes Finish. „Das Projekt hat mein Verständnis für Menschen mit Sehbeeinträchtigung enorm erweitert. Besonders spannend war die 3D-Digitalisierung, auch wenn die Nachbearbeitung herausfordernd war. Ich würde sofort wieder mitmachen“, erzählt Eder.

Zusammenarbeit mit Wirkung

„Am meisten begeistert mich, wenn aus einer Idee etwas Greifbares entsteht. Im Innovation Lab erleben wir genau das: Studierende, die gesellschaftlich relevante Themen anpacken und mit Hilfe von modernen Technologien etwas bewegen. Dass sich das Projektteam mit so viel Engagement und Feingefühl einem sensiblen Bereich wie der barrierefreien Erinnerungskultur gewidmet hat, freut mich sehr und ich bin stolz darauf, wie professionell sie dieses Modell umgesetzt haben“, betont interimistischer Leiter des Innovation Labs, Julian Neubauer.

Das Tastmodell ist bereits das zweite, das im Rahmen einer Kooperation zwischen der FH Wiener Neustadt und dem Museum St. Peter an der Sperr entstanden ist – nach dem Corvinusbecher 2024. Für sein Engagement im Bereich Inklusion wurde das Museum im selben Jahr mit dem Preis „Vorbild Barrierefreiheit“ vom BhW Kultur.Region.Niederösterreich ausgezeichnet.

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