Wenn sich Leistung nicht lohnt: die unbezahlte Sorgearbeit

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Mutter mit Kind / Foto: freepik
(Symbolbild)Foto: freepik

Eine Presseaussendung anlässlich des Muttertages

Wiener Neustadt: der Verein wendepunkt zeigt die Situation der Mütter zwischen Unvereinbarkeiten und Unsicherheiten auf.

Im Laufe ihres Berufslebens entgeht einer Mutter viel Einkommen. Selbst zehn Jahre nach der Geburt verdienen Frauen im Schnitt immer noch um die Hälfte weniger als vor der Geburt. Grund dafür ist v.a. die hohe Rate an Teilzeitarbeitsverhältnissen aufgrund der erhöhten Betreuungspflichten. Männer dagegen erleiden keine Einbußen, so eine Aussendung des Vereins wendepunkt anlässlich zum Muttertag.

Mütter leisten den Großteil unbezahlter Sorgearbeit

Unbezahlte Sorgearbeit umfasst sowohl die sogenannte Care-Arbeit, also Tätigkeiten die zur Versorgung von Menschen notwendig sind wie Kleidung einkaufen, Arzttermin wahrnehmen, das Kind in den Kindergarten bringen, Essen einkaufen und kochen, Wäsche waschen etc., als auch Mental Load. „Mental Load bezeichnet die Denk- und Organisationsarbeit im Unternehmen Familie, die zum überwiegenden Teil auf den Schultern einer Person lastet – meistens der Frau“, so Romana Steiner, psychosoziale Beraterin der Frauenberatungsstelle wendepunkt: sind die Schuhe schon zu klein, ist ein Kinderärztinnentermin fällig, im Kindergarten Bescheid geben, dass das Kind heute später kommt, für den Kindergeburtstag einen Ablauf überlegen usw. Diese unbezahlte Sorgearbeit und vor allem Mental Load wird zu 60 bis 80% von Müttern erledigt, in einem Unternehmen werden für all diese Tätigkeiten Projektmanager*innen gut bezahlt.

Armutsgefährdung und finanzielle Unsicherheit

Mütter arbeiten 365 Tage im Jahr rund um die Uhr, ohne Urlaubsansprüche und Krankenstand und das gratis. Die finanziellen Auswirkungen sind enorm. Mütter haben weniger Einkommen (Gender Pay Gap), was langfristig geringere Pensionen (Gender Pension Gap) nach sich zieht. Sie sind entweder finanziell abhängiger von ihren Partnern oder haben als Alleinerzieherinnen ein höheres Armutsgefährdungsrisiko. „Gerade deshalb ist es für Frauen besonders wichtig, sich mit dem Thema Geld auseinanderzusetzen. Es bedarf aber gleichzeitig dringend systemischer Veränderungen, um dieser Benachteiligung von Frauen entgegenzuwirken.“, stellt Lena Gugenberger, Expertin für Finanzbildung beim Sozialunternehmen Three Coins, fest. Neben finanziellen Einbußen bedeutet die unbezahlte Sorgearbeit auch eine extreme psychische Belastung. Viele Frauen sind erschöpft, reihen die eigenen Bedürfnisse und Hobbies hinten an, wodurch ihnen wichtige Erholungszeit fehlt. Dementsprechend sind Frauen doppelt benachteiligt: Sie arbeiten durch die Sorgearbeit mehr und bekommen dafür weniger Geld, weil sich die Hauptverantwortung für die Sorgearbeit nur mit Teilzeitbeschäftigungen ausgeht.

Das Unvereinbarkeits-Dilemma

Gesellschaftliche Bilder von arbeitenden Müttern belasten zusätzlich. „Sowohl Frauen, die Vollzeit arbeiten, als auch Frauen, die zu Hause ihre Kinder betreuen, sehen sich mit diskriminierenden Aussagen konfrontiert“, weiß Claudia Prudic, psychosoziale Beraterin der Frauenberatungsstelle wendepunkt. Sie müssen sich Fragen gefallen lassen, wie, „wozu hast du ein Kind, wenn du es nur abschiebst?“ oder „Als Hausfrau hast du nichts zu tun!“. Aber auch Mütter, die Teilzeit arbeiten oder Frauen, die noch Kinder bekommen könnten, werden auf dem Arbeitsmarkt aufgrund ihres potenziellen Mutterseins benachteiligt (geringere Karrieremöglichkeiten, weniger Jobzusagen oder Jobabsagen…). Folgen dieser gesellschaftlichen Bilder oder Stereotype/Klischees sind Schuldgefühle und schlechtes Gewissen – die täglichen Begleiter von Müttern.

Mögliche Auswege aus der Misere

Studien zeigen, dass ausreichende Kinderbetreuungsmöglichkeiten den Mental Load verringern und die finanzielle Unabhängigkeit von Frauen stärken. Somit ist die Aufwertung der Kindergärten als elementare Bildungseinrichtungen, der weitere flächendeckende Ausbau sowie die Erweiterung der Öffnungszeiten (orientiert an der Lebensrealität einer vollzeitarbeitenden Alleinerzieherin) dringend notwendige Maßnahmen. Darüber hinaus braucht es eine verpflichtend gleich aufgeteilte Karenz zwischen Elternteilen.

Ziel muss es außerdem sein, die Haltung von Arbeitgeber*innen gegenüber Elternschaft zu verändern – von einer Belastung hin zu einer Wahrnehmung als Zusatzqualifikation sowie eine gesellschaftliche Sensibilisierung zum Thema Mental Load.

Projekt „GeldHeldinnen“

Frauen müssen gezielt ermutigt werden ihre Finanzen selbst in die Hand zu nehmen! Hier setzt das Projekt „GeldHeldinnen“ an, das von einer in Österreich bislang einzigartigen Allianz umgesetzt wird: dem frauenspezifisch arbeitenden Verein wendepunkt, dem auf Finanzbildung spezialisierten Sozialunternehmen Three Coins und dem Land Niederösterreich, das dieses Projekt finanziert. Ziele des Projekts sind Bewusstseinsbildung für die Bedeutung des Themas Geld sowie der Erwerb konkreter Kompetenzen, damit Frauen ein finanziell unabhängiges und selbstbestimmtes Leben führen. In der ersten Projektphase werden Daten zum Finanzbildungsbedarf erhoben, die anschließend in die Entwicklung lebensnaher Finanzbildungsformate einfließen und umgesetzt werden. Jede Frau in Niederösterreich ist eingeladen bei diesem Projekt mitzumachen, indem sie den GeldHeldinnen-Fragebogen ausfüllt.

Der Verein wendepunkt

Der Verein wendepunkt wurde 1991 von engagierten Frauen in Wiener Neustadt gegründet. 1992 wurde die Frauenberatungsstelle eröffnet, 1995 wurde das Frauenhaus in Betrieb genommen. Seit seinem Bestehen setzen sich die Mitarbeiterinnen für die Gleichstellung und für ein selbstbestimmtes Leben von Frauen in dieser Gesellschaft ein.