Er­in­ne­rung an den No­vem­ber­po­grom in Wie­ner Neu­stadt

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Projektion der Synagoge / Foto: Sammlung Sulzgruber
2013 wurde das Bild der Synagoge auf das damalig Anton-Proksch-Haus projiziert.Foto: Sammlung Sulzgruber

Vor 78 Jah­ren wur­den Ju­den und Jü­din­nen in der „Reichs­kris­tall­nach­t“ 1938 end­gül­tig aus Wie­ner Neu­stadt ver­trie­ben

Am Baumkirchnerring 4 befand sich von 1902 bis 1952 die Synagoge der jüdischen Gemeinde von Wiener Neustadt. In der so genannten „Reichskristallnacht“ am 9./10. November 1938 war die Fassade des Gotteshaus von Nationalsozialisten beschädigt worden.

Die Inneneinrichtung war zerstört, das Gebäude innen verwüstet und das Areal als Sammellager für Juden und Jüdinnen verwendet worden, bevor man die jüdische Bevölkerung wenige Tage nach dieser schicksalhaften Nacht aus der Stadt vertrieb. Lange erinnerte eine Gedenktafel in knappen Worten an die Geschichte des Ortes, die aufgrund der Umbauarbeiten am Gebäude aber entfernt worden war. Nach der Beendigung des Umbaus wurde diese Erinnerungstafel am Baumkirchnerring 4 neu platziert.

Gedenken  in ganz Österreich

In ganz Österreich finden alljährlich Gedenkveranstaltungen statt. In Wiener Neustadt kam es zuletzt 2013 zu einer großen Gedenkfeier, in deren Rahmen erstmals eine Licht-Projektion eines historischen Gebäudes realisiert wurde: nämlich von der in den 1950er Jahren zerstörten Synagoge.

10. November 1938

In Wiener Neustadt besetzten Nationalsozialisten am 10. November 1938 die Liegenschaft am Baumkirchnerring 4, auf dem sich die Synagoge, das Bethaus und ein Schlacht- bzw. Schächthaus befanden und die das Zentrum des religiösen Lebens der jüdischen Einwohner gewesen war. Die Synagoge wurde beschädigt, weil man das große Rundfenster (ausgeführt als Rosette mit einem Davidstern) und andere Teile der Fassade herausschlug. Die Innenräume wurden geleert, indem man Einrichtungsgegenstände abtransportierte und wertvolle Utensilien beschlagnahmte. Die NSDAP-Kreisleitung nahm relevante Dokumente an sich. Als weniger wertvoll erachtetes und als unbrauchbar eingestuftes Gut zerstörte man an Ort und Stelle.

Jüdische Familien vetrieben

Am selben Tag, dem 10. November 1938, trieben Nationalsozialisten jüdische Familien aus ihren Häusern und Wohnungen. Es wurde ihnen untersagt, etwas mitzunehmen, und so befahl man sie mit dem, was sie am Leibe trugen, auf die Straße. In kleinen Gruppen brachte man sie zu Fuß oder mit Fahrzeugen zur Synagoge am Baumkirchnerring, wo sie eingesperrt wurden. Das Bethaus am Baumkirchnerring und das städtische Gefängnis, aber auch andere Gebäude, wurden jeweils zentrale Sammellager für die noch in der Stadt verbliebenen Juden und Jüdinnen. Obwohl in anderen Städten die Synagogen zerstört wurden, ging der „Tempel“ hier nicht in Flammen auf, weil er sich bereits im Besitz der Stadtgemeinde befand.

Enteignet und beraubt

Man erzwang Unterschriften für „Kaufverträge“ und brachte die Inhaftierten um ihr letztes Hab und Gut. Juden und Jüdinnen wurden Leibesvisitationen unterzogen, verhört, erniedrigt und beraubt. Nach ein paar Tagen wurden fast alle Inhaftierten nach Wien abgeschoben. Kaum bekleidet, ohne Geldmittel und verängstigt suchten die Vertriebenen nun Mitte November in der Großstadt Hilfe bei Verwandten, Freunden und jüdischen Organisationen. Die vertriebenen Wiener Neustädter Juden und Jüdinnen waren ab nun vollends auf Unterstützung angewiesen und konnten meist nur durch Spenden für eine gewisse Zeit notdürftig überleben.

Dokumentation über Wiener Neustadt

Die jüdische Gemeinde von Wiener Neustadt war vor 1938 eine der größten des Landes gewesen. In der Stadt selbst lebten zirka 870 Juden und Jüdinnen. Rund 200 Wiener Neustädter wurden nachweislich Opfer der Shoah, die tatsächliche Opferzahl kann aber als weitaus höher angenommen werden. Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrten nahezu keine Vertriebenen wieder in ihre Heimatstadt zurück. Viele berühmte Persönlichkeiten finden sich unter den aus der Steinfeldstadt einst Vertriebenen.

Die Geschichte der jüdischen Gemeinde wurde inzwischen eingehend vom Historiker Dr. Werner Sulzgruber dokumentiert, weshalb heute vieles auch zum Novemberpogrom in Wiener Neustadt bekannt ist und nachgelesen werden kann.

Weitere Informationen zur jüdischen Gemeinde und zu historischen Hintergründen können auf zeitgeschichte-wn.at und unter anderem in Büchern von Dr. Werner Sulzgruber nachgelesen werden, die in den Innenstadt-Buchhandlungen Hikade, Thalia und Thiel erhältlich sind.